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Fische zurücksetzen: Was Studien zu Catch & Release zeigen
Von der Redaktion anglerkompass · Stand: September 2026 · 6 Min. Lesezeit
Kurz gesagt
Die meisten schonend zurückgesetzten Fische überleben: Eine Auswertung von 53 Studien fand eine mittlere Sterblichkeit von 18 %, im Median 11 %, mit großer Spanne. Entscheidend sind der Hakensitz, die Zeit an der Luft und die Wassertemperatur. Untermaßige und geschonte Fische musst du zurücksetzen; ob du maßige Fische zurücksetzen darfst, regelt jedes Land selbst.
Wann muss oder darf ich einen Fisch zurücksetzen?
Zurückgesetzt wird beim Angeln ständig – vor allem, weil das Gesetz es verlangt. Fische unter dem Mindestmaß und Arten in ihrer Schonzeit gehören sofort zurück ins Wasser. In Bayern heißt es dazu: „Untermaßige oder während der Schonzeit gefangene lebensfähige Fische sind unverzüglich mit der zu ihrer Erhaltung erforderlichen Sorgfalt in dieselbe Gewässerstrecke zurückzusetzen“ (§ 11 Abs. 6 AVBayFiG). Berlin formuliert es ähnlich: „Untermaßige Fische oder während der Schonzeit gefangene Fische sind unverzüglich schonend in das Fanggewässer zurückzusetzen“ (§ 9 Abs. 1 LFischO). Die Werte für dein Land stehen unter Regeln, ob eine Art gerade Schonzeit hat, zeigt der Schonzeit-Checker.
Schwieriger ist die Frage, ob du einen maßigen Fisch außerhalb der Schonzeit freiwillig zurücksetzen darfst – das, was im Englischen „Catch & Release“ heißt. Dazu weiter unten mehr. Zuerst die Frage, die dahinter steht: Überleben zurückgesetzte Fische überhaupt?
Wie viele zurückgesetzte Fische überleben?
Dazu gibt es umfangreiche Forschung. Eine häufig zitierte Übersicht stammt von Bartholomew und Bohnsack (2005). Sie werteten 53 Studien mit zusammen 274 Sterblichkeitswerten aus. Das Ergebnis: Die Sterblichkeit nach dem Zurücksetzen lag im Mittel bei 18 %, im Median bei 11 %, die Spanne reichte von 0 bis 95 %. Die Verteilung ist schief – die meisten Werte sind niedrig, einige wenige sehr hoch. Salmoniden, Meeres- und Süßwasserarten unterschieden sich in der Verteilung kaum, einzelne Arten und Situationen dagegen stark.
Bartholomew & Bohnsack 2005 (Meta-Analyse, Mittel und Median); Weltersbach & Strehlow 2013 (Dorsch, westliche Ostsee, 8,5–14 m Wassertiefe); Arlinghaus et al. 2008 (Hecht, Sterblichkeit innerhalb einer Stunde nach dem Fang)
Zwei Studien mit Bezug zu unseren Gewässern zeigen, wie unterschiedlich die Werte sein können. Das Thünen-Institut hat Dorsche untersucht, die in der westlichen Ostsee bei 8,5 bis 14 m Wassertiefe gefangen und zurückgesetzt wurden: Im Mittel starben 11,2 %, rund 85 % der Todesfälle traten innerhalb von 24 Stunden auf. Bei Hechten fanden Arlinghaus und Kollegen (2008) in der ersten Stunde nach dem Fang eine Sterblichkeit von nur 2,4 %; entscheidend war dort, ob der Fisch blutete. Solche Zahlen erfassen allerdings nicht immer, ob Fische später an Folgeschäden sterben oder weniger wachsen und laichen – das ist deutlich schwerer zu messen.
Welche Faktoren entscheiden über das Überleben?
Bartholomew und Bohnsack nennen den Hakensitz als wichtigsten Faktor. Weitere Faktoren mit signifikantem Einfluss waren Naturköder, das Entfernen tief sitzender Haken, J-Haken statt Kreishaken, große Fangtiefe, warmes Wasser sowie langer Drill und langes Handling. Keinen signifikanten Effekt fanden sie für Fischgröße, Hakengröße und Drilling gegenüber Einzelhaken; Haken mit Widerhaken führten nur zu einer geringfügig höheren Sterblichkeit.
- Tief geschluckter Haken: Sitzt der Haken im Schlund oder in den Kiemen, steigt die Sterblichkeit stark. Bartholomew und Bohnsack werten das Entfernen tief sitzender Haken als eigenen Risikofaktor. Die Welternährungsorganisation FAO hält fest, dass es bei tief gehakten Fischen meist besser ist, die Schnur abzuschneiden.
- Kreishaken: Nach der Übersicht von Cooke und Suski (2004), die die FAO zitiert, liegt die Sterblichkeit mit Kreishaken im Mittel um 50 % niedriger, weil sie seltener tief greifen. Die Autoren empfehlen sie aber nur dort, wo Daten für die jeweilige Art vorliegen.
- Luft: In einem Laborversuch mit erschöpften Regenbogenforellen (Ferguson und Tufts 1992) überlebten ohne Luftkontakt 88 %, nach 30 Sekunden an der Luft 62 % und nach 60 Sekunden 28 %. Das ist ein Laborbefund mit Zuchtforellen, zeigt aber die Richtung deutlich.
- Wassertemperatur: Bei hohen Temperaturen steigen Stress und Sterblichkeit. In der Dorschstudie des Thünen-Instituts erhöhte jedes Grad mehr das Sterberisiko um den Faktor 1,3, Blutungen erhöhten es um den Faktor 4,8.
- Fangtiefe: Fische aus großer Tiefe erleiden beim Hochholen oft ein Barotrauma, weil sich die Gase in der Schwimmblase ausdehnen. Von Dorschen aus mehr als 50 m Tiefe starben in einer Studie (Ferter und Kollegen 2015) mindestens 40 %, obwohl sie nur im Maul gehakt waren – allerdings in einem an der Oberfläche treibenden Netzgehege. In einem Folgeversuch tauchten 97,8 % der sofort freigelassenen Dorsche selbst ab und überlebten in auf Fangtiefe abgesenkten Käfigen. Das betrifft vor allem das Angeln in Norwegen und auf Seelachs oder Dorsch im tiefen Wasser.
Wie setze ich einen Fisch schonend zurück?
Die folgenden Empfehlungen fassen die Leitlinien der FAO (2012) zusammen. Wo wir eigene Erfahrung ergänzen, steht das dabei.
- Passend fischen vor dem Wurf
Gerät, das den Fisch zügig landet; bei passivem Naturköderangeln Kreishaken erwägen
- Kurz drillen im Drill
lange Drills erschöpfen den Fisch, besonders in warmem Wasser
- Im Wasser abhaken Sekunden
Luftkontakt möglichst vermeiden, Hakenlöser bereithalten
- Tief gehakt? Schnur ab sofort
bei tief sitzendem Haken die Schnur knapp abschneiden statt zu reißen
- Behutsam freilassen Sekunden
Fisch aufrecht ins Wasser halten, bis er selbst wegschwimmt
FAO Technical Guidelines Recreational Fisheries (2012), Tabelle 11; Reihenfolge redaktionell
- Nasse Hände, nasser Untergrund: Fass den Fisch nur mit nassen Händen an und leg ihn, wenn überhaupt, auf eine nasse Abhakmatte, nie auf trockene Steine oder Sand. Das ist bewährte Praxis.
- Gummierter Kescher: Ein knotenloser, gummierter Kescher schont Schleimhaut und Flossen, wie wir es etwa auf unserer Seite zur Bachforelle empfehlen.
- Widerhakenlos fischen: Die FAO hält widerhakenlose Haken in manchen Situationen für vorzugswürdig. Ein angedrückter Widerhaken erleichtert das Lösen deutlich; prüfe aber, ob dein Land oder deine Gewässerordnung Vorgaben zu Haken macht.
- Kein Foto-Marathon: Wenn du ein Foto machst, dann schnell und mit dem Fisch dicht über dem Wasser. In Berlin ist „das Fangen und Zurücksetzen von Fischen mit dem ausschließlichen Ziel, ihre Maße oder äußeren Merkmale zu dokumentieren“, verboten (§ 9 Abs. 3 LFischO).
- Setzkescher: Die FAO rät, Fische nur kurz und in ausreichend Wasser zu hältern und keine Drahtkörbe oder Stringer zu verwenden. Mehrere Länder verbieten, gehälterte Fische zurückzusetzen – die Regeln stehen auf den Landesseiten.
- Barotrauma: Bei Anzeichen für Druckschäden empfiehlt die FAO, in flacheres Wasser zu wechseln. Das Zurückführen auf Fangtiefe (Rekompression) nur mit Übung und dort, wo es erlaubt ist.
Welcher Haken sich schnell und schonend lösen lässt, zeigt die Seite Angelhaken-Größen.
Ist Catch & Release in Deutschland erlaubt?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal mit Ja oder Nein beantworten, und wir geben hier keinen Rechtsrat. Belegt ist Folgendes:
- Tierschutzgesetz: Nach § 1 Satz 2 darf niemand „einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“. Der amtliche Brandenburger Prüfungskatalog nennt den Fang zur menschlichen Ernährung und zur Hege und fischereilichen Bewirtschaftung als vernünftige Gründe, den Fang zur Herstellung von Trophäen nicht. Ob das Fangen allein mit dem Ziel, den Fisch wieder freizulassen, einen vernünftigen Grund hat, ist rechtlich umstritten.
- Landesrecht: Einige Länder regeln das Zurücksetzen maßiger Fische ausdrücklich. In Bayern dürfen maßige Fische der in der Anlage genannten Arten „unter Beachtung des Tierschutzrechts wieder ausgesetzt werden, wenn es der Erfüllung des Hegeziels […] dient“; gefangene Fische anderer Arten dürfen nicht wieder ausgesetzt werden (§ 11 Abs. 8 AVBayFiG). In Hessen ist „Fischfang, der allein Sport- oder Hobbyzwecken dient und das Zurücksetzen aller gefangener Fische vorsieht (Catch-and-Release)“, verboten (§ 14 Abs. 6 HFischV). Im Saarland verbietet § 10 Abs. 1 Nr. 6 LFO „das Fischen mit der Handangel, das von vornherein auf das Zurücksetzen von gefangenen Fischen ausgerichtet ist (Catch & Release)“. Mehr dazu auf den Seiten Regeln Hessen und Regeln Saarland.
- Entnahmefenster: Manche Länder schreiben vor, auch zu große Fische zurückzusetzen – so gilt in Hessen für den Hecht ein Entnahmefenster von 50 bis 90 cm. Hier ist das Zurücksetzen Pflicht, nicht Wahl.
- Nicht heimische Arten: Umgekehrt dürfen in manchen Ländern gebietsfremde Arten nicht zurückgesetzt werden, etwa in Berlin (§ 9 Abs. 4 LFischO).
- Gewässerordnung: Vereine und Bewirtschafter können eigene Regeln zu Entnahme und Zurücksetzen festlegen.
Unsere Empfehlung: Angle mit dem Ziel, Fische zu verwerten, halte dich an Mindestmaße, Schonzeiten und Entnahmefenster und setze Fische, die du zurücksetzen musst oder darfst, so schonend wie möglich zurück. Im Zweifel fragst du die Fischereibehörde oder deinen Verein.
Warum ist das Thema so umstritten?
Die große Übersichtsarbeit von Arlinghaus und Kollegen (2007) kommt zu dem Schluss, dass Catch & Release keine rein biologische Frage ist: Kultur, Institutionen, Psychologie und Ethik spielen ebenso hinein. Wer diese Vielschichtigkeit anerkennt, kann Konflikte zwischen Anglern, Tierschutz und Bewirtschaftung besser lösen. Biologisch ist das Bild klarer: Schonend zurückgesetzte Fische überleben meist, und wo Mindestmaße, Schonzeiten und Entnahmefenster gelten, ist das Zurücksetzen ein Werkzeug der Hege. Wie du einen Fisch, den du behältst, waidgerecht tötest, erklärt die Seite Fisch töten.
Häufige Fragen
Überleben zurückgesetzte Fische?
Meist ja. Eine Meta-Analyse von 53 Studien fand eine mittlere Sterblichkeit von 18 % und einen Median von 11 %, bei großer Spanne. Entscheidend sind Hakensitz, Luftkontakt, Wassertemperatur und Fangtiefe.
Was tun, wenn der Fisch den Haken geschluckt hat?
Muss der Fisch zurück, schneidest du die Schnur knapp ab, statt den Haken herauszureißen. Das empfehlen die FAO-Leitlinien, und Studien zeigen höhere Überlebensraten, wenn der Haken drinbleibt.
Ist Catch & Release in Deutschland verboten?
Das lässt sich nicht pauschal sagen. Zurücksetzen ist bei untermaßigen und geschonten Fischen Pflicht. Ob maßige Fische zurückgesetzt werden dürfen, regeln die Länder unterschiedlich; das Fangen nur zum Freilassen gilt wegen des Tierschutzgesetzes als rechtlich umstritten. Wir geben keinen Rechtsrat.
Wie lange darf ein Fisch an der Luft sein?
So kurz wie möglich. In einem Laborversuch mit Regenbogenforellen sank das Überleben von 88 % ohne Luftkontakt auf 62 % nach 30 Sekunden und 28 % nach 60 Sekunden.
Helfen Einzelhaken beim Zurücksetzen?
Nach Anglererfahrung lassen sie sich oft leichter lösen. In der großen Meta-Analyse von Bartholomew und Bohnsack (2005) war der Unterschied in der Sterblichkeit zwischen Drilling und Einzelhaken aber nicht signifikant; wichtiger sind Hakensitz, Luftkontakt und Handling.
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